Als ich vor Jahren das erste Mal Stephan Hachtmann begegnete, ahnte ich nicht, dass die von ihm geleitete Veranstaltung „Einführung in das Herzensgebet“ mich noch Jahre später derartig inspirieren würde. Doch von vorn:
Wer noch nie etwas vom Herzensgebet gehört hat: Es ist eine jahrhundertealte kontemplative Gebetsform, bei der ein kurzes Wort oder ein einfacher Satz in der Stille mit dem Atem verbunden und wiederholt wird. Stephan würde jetzt sagen: Sieben Minuten sind das Mindeste, besser zwanzig. Ich sage: Egal wie lange – die tägliche Praxis macht’s.
Auf der Veranstaltung hatte Stephan verschiedene Beispiele dabei: Ich bin, Jesus Christus, Schalom, Abwun … Er erzählte, dass er Jahre gebraucht habe, um das für ihn stimmigste Herzensgebet zu finden. Ich glaube, es lautete: „Ich bin dein.“ Nun bin ich persönlich ein Mensch, der auch in spirituellen Dingen äußerst effizient denkt. Jahre? Um das passende Wort zu finden? Ich senkte mich also kurzerhand ab und fragte nach meinem Herzensgebet.
Was kam, hat nicht nur mich erstaunt, sondern auch viele Menschen, denen ich später davon erzählte. Es war: Schalom. Und dieses Schalom stand nicht als Wort vor mir. Es war ein Klang. Wie von einer hellen Glocke getragen: Scha-lom. Scha-lom. Scha-lom. Als ich wieder zu mir kam, meldete sich sofort der Zweifler in mir. Hä? Das ist doch Hebräisch. Was habe ich denn damit zu schaffen? Gedacht. Vergessen.
(Ich könnte euch einige solcher Geschichten erzählen. Zuerst hatte ich Fragen an die geistige Welt, dann wurden sie beantwortet. Anschließend erklärte mein Verstand, warum diese Antwort unmöglich stimmen konnte. Mich hätte es also nicht gewundert, wenn die geistige Welt mich irgendwann abgeschrieben hätte. Zum Glück ist sie aber sehr viel geduldiger als ich. Und nicht nur geduldiger, sondern auch urteilsfrei.)
Doch zurück zum Schalom. Weil ich so bin, wie ich bin, fing ich an zu recherchieren. Der Wortstamm: sch-l-m. Das A und das O … (da bekam mein Interesse an Symbolik sofort neues Futter!) Ich beschäftigte mich also mit seiner Bedeutung in der Kabbala, mit seiner Verwendung im Hebräischen und damit, wie Menschen Schalom heute verstehen.
Doch ich bekam immer noch keinen Bezug zu Schalom und ich stellte mir schließlich die Frage: Was bedeutet Schalom für mich?
Für mich ist Schalom ein Klang. Nicht etwas, das erklärt werden muss, sondern etwas, das in Resonanz treten möchte. Ein Ruf! Ihr könntet jetzt fragen: Wer ruft? Diese Frage stellt sich mir nicht, weil ich weiß, wer dort ruft. Und das muss ich nicht benennen, und das kann ich auch gar nicht, nur so viel: Dieser Ruf kommt aus einer absolut vertrauenswürdigen Quelle, wenn ihr wisst, was ich meine.
Bleibt also noch der, der gerufen wird. Das bin natürlich ich. Muss ich gerufen werden? Es scheint so. Wozu? Ich glaube, zu einem Stelldichein mit dem Numinosen. Jeden Morgen, sieben Minuten – Ganzheit erinnern! Bewusstseinsübung in einem Wort: Schalom. Und hier kann ich, nun gut gefühlt, den Bogen ziehen zur eigentlichen Wortbedeutung des Schalom:
Wer es ganz einfach haben möchte, übersetzt Schalom mit Frieden, das wird dem Wort aber nur teilweise gerecht. Schalom (שָׁלוֹם) stammt von der hebräischen Wurzel ש־ל־ם (Sch-L-M), und die bedeutet: vollständig, ganz, heil, unversehrt. Ein Puzzle, dem kein Teil fehlt. Ein Mensch, dem nichts wehtut. Eine Beziehung, in der nichts unausgesprochen im Raum steht.
Aus derselben Wurzel wächst im Hebräischen erstaunlich viel Alltägliches heraus: z. B. schillem, das bezahlen bedeutet. Denn wer eine Schuld begleicht, macht etwas wieder „ganz“. Oder schalem für vollständig, gesund. Wahrscheinlich ist Sch-L-M sogar (das ist allerdings unter Sprachwissenschaftlern umstritten) ein Baustein von Jeruschalajim – Jerusalem!
Im Tanach, der hebräischen Bibel, meint Schalom fast nie bloß „Frieden“. Es beschreibt einen Zustand des runden, kompletten Wohlergehens: Gesundheit, intakte Freundschaften, Wohlstand, ein ruhiges Gewissen, seelischen Frieden. Wenn im Alten Orient jemand „Schalom“ wünschte, wünschte er nicht Waffenruhe – er wünschte: Möge bei dir kein Stück fehlen.
Die Wurzel ש-ל-ם hat sich außerdem quer durchs gesamte semitische Sprachgebiet vermehrt wie eine gut vernetzte Verwandtschaft: Arabisch: salām (سلام) – und ja, auch Islam und Muslim stecken in derselben Wurzel: „sich ganz hingeben“, „sich vollständig ausliefern“. Auch im aramäischen schlama steckt der Wortstamm. Und nicht zuletzt im Akkadisch: šalāmu – für gesund, heil sein. Drei große Kulturräume, ein gemeinsamer sprachlicher Urgroßvater. Und heute?
Im modernen Hebräisch ist Schalom gleichzeitig „Hallo“ und „Tschüss“ – man wünscht dem Gegenüber beim Kommen und Gehen exakt dasselbe. Und auch die Standardfrage „Ma schlomcha?“ („Wie geht’s dir?“, an einen Mann gerichtet – „Ma schlomech?“ an eine Frau) trägt die alte Bedeutung noch mit sich herum. Wörtlich fragt man nämlich: „Was ist dein Schalom?“ – also: Wie steht es um deine Ganzheit, dein Wohlergehen?
